Zum Tod von Mark Hollis: Die Verschwendung des Schweigens

Verloren gegangen war er schon vor langer Zeit. So fühlte es sich an, aber es trifft es nicht richtig: Denn Mark Hollis hatte sich entzogen. Es schien ein bewusster Schritt des einstigen Sängers von Talk Talk gewesen zu sein, von der Bühne zu gehen. Nicht mehr ins Studio. Zuhause zu bleiben. Oder sonstwo, es drang ja irgendwann nichts mehr nach außen über das Leben dieses Mannes, der 1981 eine der einflussreichsten britischen Popgruppen des 20. Jahrhunderts gegründet hatte.

Kurz bevor das dann zu Ende ging, 1998, war dann noch ein Soloalbum erschienen, das nur seinen Namen trug, „Mark Hollis“. Ein Filmsoundtrack und Arrangements für die Jazzsängerin Anja Garbarek kamen dazu, aber das war es. Er könne kein guter Vater sein und auf Tour gehen, hatte Hollis in einem seiner letzten Interviews gesagt. Er schenkte der Welt ein paar Hymnen, die bis heute im Radio laufen – „It’s my life“, „Life’s what you make it“, „Living in Another World“ – und dann verschwand er.

Dass ein übergroßes Talent verstummt, wirkt in jeder Kunstform erstaunlich. Salinger fällt einem ein, der in seinem Haus in New Hampshire schrieb und schrieb, aber nur für die Schublade (sein Sohn will den Nachlass jetzt nach und nach herausgeben.) In einer Branche aber, in der sich gerade mit Konzerten Geld verdienen lässt und wo sich die Stars von gestern der sentimentalen Dankbarkeit ihrer auch nicht jünger werdenden Fans sicher sein können, wirkt es verschwenderisch exzentrisch. So viele Bands und Künstler kommen zurück, die es anders angekündigt (LCD Soundsystem) oder versprochen (Scorpions) hatten, andere (Rolling Stones) gehen gar nicht erst. Hollis aber blieb weg.

Abwesenheit, Stille, ausbleibende Signale: Was Hollis im Leben tat, hatte er in der Kunst vorbereitet: Sie ist um Leere herum inszeniert – welche Ironie, wenn man an den Namen seiner Band denkt. Auf dem Soloalbum, das man am besten spätnachts im Sommer hört, dauert es immer wieder irritierend lang, bis das Klavier einsetzt, ein paar Noten, dann die typisch kehlige Stimme, ein paar Zeilen, dann wieder nichts. Das war noch Popmusik, aber aus einer glücklicheren Welt von morgen, in der die Widersprüche zwischen populärer Melodie und ernstem Kunstwillen aufgelöst sind und alles nur noch Song ist: Ausdruck existentieller Bedürfnisse und Erkenntnis.

Für diesen Gegen-Pop waren die späten Alben von Talk Talk wie „Spirit of Eden“ (1988) oder „Laughing Stock“ (1991) gefeiert worden – aber man findet Elemente davon schon auf Hollis’ größtem Hit „Such A Shame“ von 1984, der in einem sanft stolpernden Klavierloop endet; das Radio blendet da oft lieber aus. Zum Glück aber gibt es das Internet – es ist, als wäre es nur dafür erfunden worden, den Auftritt von Talk Talk beim Jazzfestival in Montreux 1986 für immer zu konservieren.

Da steht der junge Hollis, Sonnenbrille, langes Haar, inmitten seiner Band und spielt Song um Song. Man spürt, wie aus dem Saal die Luft schwindet, ausgetauscht wird gegen einen Sound, der sich aus Soul und Folk genauso stillt wie aus der unverstandenen Arroganz des Einzelgängers mit Gitarre. Jetzt ist Mark Hollis im Alter von nur vierundsechzig Jahren gestorben. Es wird noch etwas stiller hier.

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