Champions League: So ist Dortmund aus der Balance geraten

Es lohnt sich, in diesen Tagen noch einmal an eine Grätsche von Marco Reus aus dem November zurückzudenken. Es lief die 70. Minute der Partie gegen den FC Brügge, als der Mannschaftskapitän von Borussia Dortmund einen langen Sprint zurück in die eigene Hälfte mit einer präzisen Störaktion vollendete. Im Internet wurde von einer „Monstergrätsche“ geschwärmt, vor allem aber handelte es sich um einen Moment von großer Symbolkraft. Der Kapitän investierte all seine Kraft in eine Defensivaktion und stoppte nicht nur einen Konter, er zeigte dem gesamten Team: Selbst der Chef lässt nie nach, macht die zusätzlichen Schritte, die Überwindung kosten. In jener Phase wäre niemand auf die Idee gekommen, den Dortmundern vorzuwerfen, „naiv“ verteidigt zu haben, wie es Assistenztrainer Manfred Stefes am Samstag nach dem 3:3 gegen 1899 Hoffenheim tat.

Damals befand sich das Team in einer Phase von elf Pflichtspielen, in denen nur Fortuna Düsseldorf (2:1) mehr als ein Tor gegen die Borussia geschossen hat. Zuletzt haben die Dortmunder jedoch drei Tore gegen Werder Bremen zugelassen, drei weitere gegen Hoffenheim, es gibt Anlass zur Sorge, dass der strahlende Bundesligatabellenführer die jüngste Serie weniger erfreulicher Spiele auch in der Champions League bei Tottenham Hotspur an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) fortsetzen könnte. Mit großer Dringlichkeit verlangt Sportdirektor Michael Zorc daher nach „einer gewissen Stringenz und mehr Abgeklärtheit“ in der Defensive.

Etwas ist aus der Balance geraten, und die Hintergründe dazu sind komplex. Noch immer staunen viele Beobachter über dieses prachtvolle Offensivensemble, das der langjährige Defensivdenker Lucien Favre in Dortmund geschaffen hat. Als der Schweizer seinen Dienst beim BVB antrat, dachte mancher Experte, dass sich nun die BVB-DNA ändern werde, dass Kontrolle und Besonnenheit wichtiger werden als in der mitunter wilden Zeit mit den Trainern Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Peter Bosz. Geändert hat sich aber eher Favre, zumindest, wenn man seine Jahre in Mönchengladbach zu Grunde legt, in der der Aspekt der Stabilität immer Priorität besaß.

Nun haben die Dortmunder in der Hinserie mit großem Abstand die meisten Treffer erzielt, Jadon Sancho, Paco Alcácer, Reus aber auch der Linksverteidiger Achraf Hakimi waren gefeierte Helden. Zwischenzeitlich drängte sich sogar der gefährliche Gedanke auf, dass es gar nicht so wichtig sei, wer noch da hinten in der Viererkette spielt, weil sogar der 19 Jahre alte Dan-Axel Zagadou plötzlich glänzte. Doch jetzt ist der junge Innenverteidiger seit Wochen verletzt, ebenso wie Manuel Akanji, Zagadous Hauptpartner der Hinserie, der zum Abwehrchef avanciert war. Durch diese Ausfälle hat die Defensive an Kopfballkraft und Robustheit bei der Verteidigung von Standardsituationen verloren, Julian Weigl spielt zwar stark als Aushilfsinnenverteidiger, aber Abdou Diallo ist viel weniger präsent, als Zagadou oder Akanji.

Nun stehen die beiden besten Hinrundenverteidiger vor einer Rückkehr, Akanji fehlt noch in London, Zagadou könnte wohl schon in London wieder spielen, „grundsätzlich macht es Freude, dass der eine oder andere zurückkehrt“, sagt Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Aber die Abwehrprobleme alleine in diesen Personalien zu suchen, würde zu kurz greifen. Leicht unterschätzt wird beispielsweise der Einfluss von Thomas Delaney, der am vorigen Samstag eine Gelbsperre absitzen musste. Der „Kicker“ hat ausgerechnet, dass der BVB in den Spielen, in denen der Däne fehlte (4:3 gegen Augsburg, 2:2 gegen Hertha BSC, 3:3 gegen Hoffenheim), durchschnittlich alle 34 Minuten Treffer zuließ, mit Delaney auf dem Platz fällt hingegen nur alle 125 Minuten ein Gegentor.

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