Barack Obamas Berater im Interview: Welche Geschichte Trump erzählt

Mr. Rhodes, Sie waren acht Jahre lang einer der engsten Berater von Barack Obama im Weißen Haus. Wenn man Ihr Buch über diese Zeit liest, bekommt man das Gefühl, dass es nach George W. Bush vor allem darum ging, dem Volk eine neue, hoffnungsvollere Geschichte zu erzählen.

Für uns Amerikaner ist es nicht ganz einfach, zuzugeben, dass unsere Reaktion auf den 11. September falsch war. Wir haben mit einer Mischung aus Angst und Übermut reagiert, was zu Folter, Guantánamo und dem Irak-Krieg geführt hat. Obama wollte diese Ängste, die die Bush-Regierung geschürt hat, nicht bedienen. Am besten versteht man Obamas Amtszeit, wenn man sich anschaut, was vor ihm war und nach ihm kam. Am Ende gibt es doch genau zwei amerikanische Erzählungen: Die eine handelt von Fortschritt, davon, dass wir versuchen, Dinge voranzutreiben und den Menschen ein gerechteres Leben zu verschaffen. Die andere ist reaktionär und verwurzelt in der Idee, dass Herkunft automatisch Privilegien zusichert, dass der weiße Mann ein Vorrecht vor allen anderen habe. So war es schon immer: Wir haben die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet, in der steht, dass alle Menschen gleich sind, und danach die Sklaverei eingeführt.

Können Sie die Erzählung, die Donald Trump für sich als Präsident geschaffen hat, nachvollziehen?

Jeder erzählt eine Geschichte, keine Frage. Aber bei uns hatte ich wenigstens noch das Gefühl, dass wir selbst daran geglaubt haben, dass das, was wir da machen, richtig und wahr ist. Natürlich hat Trump ein Recht auf seine eigene Erzählung, aber nur, wenn sie nicht grundlegend aus Lügen und Täuschungsversuchen besteht. Gut möglich, dass da irgendetwas ist, wenn man Trump auf seinen Kern reduziert – ein altes, rückschrittliches, isoliertes Amerika weißer Nationalisten. Beides sind zutiefst amerikanische Erzählungen, bloß aus zwei komplett unterschiedlichen Blickwinkeln: Die eine ist der Aufstieg gegen gesellschaftliche Widerstände, die andere ist die geballte Faust in der Tasche.

In Ihrem Buch fragt Obama nach Trumps Wahl: „Waren wir vielleicht zu früh dran?“ Glauben Sie, dass das Pendel der Ideologien derzeit einfach in eine andere Richtung schlägt? Oder wird Obama eine seltene Ausnahme in der Geschichte bleiben?

Was er mit diesem Satz meinte, war nicht nur die Frage, wie Trump diese Wahl gewinnen konnte, sondern etwas Grundlegenderes: Wenn sich grundsätzlich nichts ändert, und vielleicht arbeitet Trump augenblicklich daran, werden wir in unserer Geschichte auf das zulaufen, was seiner Politik sehr nahe kommt. Irgendwann wird man Obama als eine Art Vorboten sehen, der vielleicht zu früh dran war. Was er in der gleichen Szene aber auch sagt, ist: „Was ist, wenn wir uns geirrt haben?“ Progressive Politiker denken oft, dass die Politik, die ihnen vorschwebt, unumgänglich ist, dass wir gar nicht anders können, als an diesen Punkt zu gelangen.

Und dann kommt plötzlich Trump daher und zeigt: Nichts ist unumgänglich.

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