Wie der Hype um Bienenschutz zu Goldgräberstimmung auf dem Acker führt

Seit die Deutschen ihre Liebe zu den Bienen entdeckt haben, hat das Leben von Ernst Rieger sich sehr verändert. Und das, obwohl er gar keine Biene ist. Er ist Bauer. Auf seinen Feldern wächst heran, was Bienen am meisten lieben: Wildblumen und Gräser. Der Bauer erntet die Samen und verkauft sie. Andere pflanzen sie dann ein. Von den Pflanzen, die daraus wachsen, können Millionen Insekten satt werden. Wären Insekten Autos, wäre der Bauer eine Art Ölbaron. Aber Insekten sind Insekten, und die waren den Deutschen lange egal. Das ist jetzt anders.

Der Bauer macht seine Arbeit seit fünfunddreißig Jahren. Was gerade passiert, hat er noch nie erlebt. Die Leute rennen ihm die Bude ein. Sie wollen etwas tun für die Umwelt, vielleicht auch für sich selbst. Sie wollen säen. Klatschmohn, Wiesensalbei, Löwenzahn. Der Bauer hat neue Mitarbeiter eingestellt, um der Lage Herr zu werden, aber die reichen nicht. Deshalb müssen Geschäftskunden, also zum Beispiel Kommunen, derzeit fünf bis sechs Wochen auf ihre Ware warten.

Von Privatkunden nimmt der Bauer gerade gar keine Aufträge mehr an. Die können seine Samen trotzdem kaufen, zum Beispiel in den Filialen eines bekannten Kaufhauses für traditionell hergestellte Dinge. Der Bauer wurde von dem Bienen-Hype wie von einer gigantischen Welle nach oben getragen. Dort auf dem Wellenkamm ist er nun unterwegs. Schön, aber nicht einfach.

Alleine vier Mitarbeiter nur für Beratungsgespräche

Als der Bauer erfährt, dass die F.A.S. sich für ihn interessiert, will er sich einen ganzen Tag Zeit nehmen. Warum, wenn seine Zeit doch so knapp ist? Der Bauer sagt, er wolle dazu beitragen, dass die Dinge, mit denen er sich beschäftige, von den Menschen besser verstanden werden. Es sei sehr viel Unwissen im Spiel. Das merkt er an den Anrufen, die seine Mitarbeiter täglich bekommen. Vier Leute hat er abgestellt, nur für Beratungsgespräche. Viele Anrufer wollen eine Wiese für Bienen anlegen. Aber sie wissen nicht, wie. Oft tun sie genau das Falsche, streuen zum Beispiel die Samenkörner einfach dahin, wo schon Gras wächst. Oder sie denken, eine Wiese solle einfach jahrelang wachsen, wild und frei. Aber Wiesen müssen gemäht werden. Zu ganz bestimmten Zeiten. Der Bauer spricht über Wiesen wie ein Winzer über Wein.

Vor dem Besuch auf dem Hof schickt er per Post seinen Katalog. Vorne drauf ist ein gelb-schwarzer Schmetterling, der eine violette Blüte ansteuert. Innen wird erklärt, dass das Tier ein Schwalbenschwanz ist und die Pflanze Ziest heißt. Der ganze Katalog ist eine Mischung aus Warenangebot und Lehrbuch für Naturkunde. Es geht viel um die Genetik von Pflanzen. Dazu druckt der Bauer „Ordinationsdiagramme der genetischen Ähnlichkeit unterschiedlicher regionaler Herkünfte“ von Pflanzen ab. Die kann er genau erklären. Sogar so, dass ein Laie sie versteht. Und er kann erklären, warum Laien so etwas interessieren sollte.

Mal angenommen, jemand will Insekten Gutes tun. Das kann ein Privatmann sein, eine Stadt oder ein Staat. Dann ist die große Frage: Was brauchen die Tiere? Die Antwort ist deutlich länger als die Frage. Denn die Tiere lassen sich nicht wie Autos betanken. Sie haben sich über Jahrhunderte an bestimmte Pflanzen angepasst. Und noch mehr: Die Pflanzen haben sich an Regionen angepasst. Sogar so stark, dass ein und dieselbe Art genetisch unterschiedlich ist, je nachdem, wo in Deutschland sie wächst. Die Margerite in Plön hat andere Gene als die Margerite in Passau. Tolles Thema für Bio-Studenten. Was hat der Bauer damit zu tun?

Источник: Corruptioner.life

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