Harfenistin Silke Aichhorn: „Waschen Sie sich die Hände, dann dürfen Sie auch mal zupfen!“

Frau Aichhorn, Sie haben nach einem Handbruch im vergangenen Jahr ein Buch über Skurriles aus Ihrem Leben als Profi-Harfenistin geschrieben. Es ist so launig, dass man glatt vergisst, dass die Harfe ein in jeder Hinsicht schweres Instrument ist. Wie schwer tatsächlich?

Timo Frasch

Meine Harfe wiegt 40 Kilo. Man spielt sie mit Händen und Füßen, es gibt sieben Pedale. Damit das Publikum das sieht, sage ich immer in meinen Konzerten: Kommen Sie, schauen Sie, waschen Sie sich die Hände, dann dürfen Sie auch mal zupfen.

Kann man da nichts kaputtmachen?

So viel Fingerkraft wie ich haben die wenigsten Konzertbesucher.

Man braucht Kraft?

Aber hallo! Die Harfe hat eine Zugspannung von 1,5 Tonnen, die muss man erst mal in Bewegung bringen. Erschwerend kommt hinzu, dass man beim Spielen gerne mal nur auf einer Pobacke sitzt, beide Beine in der Luft, die Harfe auf der Schulter. Die Harfe ist ein sehr athletisches Instrument, bei dem man immer genau wissen muss, was man tut, wenig läuft dabei rein intuitiv ab. Bei allen anderen Instrumenten verknüpft das Gehirn leichter einen Klang mit einem bestimmten Griff oder einer Position. Das ist bei der Harfe leider nicht so. Da sich alle Saiten gleich anfühlen, muss man permanent mit Hilfe der Augen kontrollieren, ob man überhaupt auf der richtigen Saite ist. Dazu hat man auch noch auf jeder Saite je nach Pedalstellung drei verschiedene Töne, die sich aber alle gleich anfühlen. Einfach erklärt: Eine Harfe ist wie ein Klavier mit weißen Tasten, je nach Stellung der Pedale klingen die Saiten wie eine schwarze Taste, fühlen sich aber an wie eine weiße…

Ich höre heraus: Auf die Hand-Augen-Koordination kommt es an.

Wenn jemand gut mit Bällen umgehen kann, dann kann er sich auch auf der Harfe zurechtfinden. Was nicht vonnöten ist, was aber oft mit der Harfe verbunden wird, ist ein ätherisches Wesen, das in den Raum schwebt und dann zart die Harfe streichelt – eben nicht! Auch unter den Superstars der Branche werden Sie keinen finden, der sein Spiel mit seligem Lächeln vorträgt.

Gibt es unterschiedliche Technikschulen?

Ja! Es ist wie beim Skifahren: Die einen fahren so, die anderen so – und jeder findet seine Methode die beste. Ich habe aber einige Sachen definitiv falsch gelernt und musste mühsam umlernen. Zum Beispiel habe ich früher mit durchgedrückten Fingern gespielt. Das ist so falsch wie mit durchgedrückten Fingern zu klettern. Es besteht erhöhte Gefahr, den Knorpel zu schädigen, man kann nicht so laut und auch nicht so schnell spielen.

Sie haben keine gesundheitlichen Probleme?

Nein! Ich habe das wahnsinnige Glück, dass ich 1,83 Meter groß bin und mich mit den großen Händen und den langen Armen nicht die ganze Zeit überstrecken muss. Das ist für kleinere Harfenspieler oft mühsamer.

Die könnten doch eine kleinere Harfe nehmen.

Mit der Harfe ist es wie mit einem Formel-1-Auto: Man braucht schon einen gewissen Hubraum, damit man vorne mitspielen kann.

Ist was dran an dem Klischee, dass vor allem Frauen Harfe spielen?

Harfe ist ein bisschen wie Ballett. Das Klischee erwartet eher eine Frau. Aber es gab und gibt immer auch tolle Männer an der Harfe. Diese werden heute gerne gehypt, nach dem Motto: „Wenn schon ein exotisches Instrument, dann bitte auch gleich noch mit Mann!“ Es gibt einen sehr berühmten Harfenisten, der hatte eine Zeitlang im Lebenslauf stehen, er wolle die Harfe endlich aus dem seichten Tal der langen Haare befreien… Was soll man da noch sagen? Anscheinend traut man einer Frau nach wie vor nicht zu, dieses Instrument seriös zu bedienen und dafür bekannt zu sein.

Wie berühmt sind Sie?

Unter den Solistinnen gehöre ich sicher zu den bekanntesten in Europa. Aber das ist wie bei Profi-Ruderern: Die kennt auch kaum einer.

Sie kommen aus Bayern. Mögen Sie Volksmusik?

Unbedingt. Ich selbst bin aber keine ausgewiesene Volksmusikerin – meine frühere Lehrerin hat das abgeblockt. Das sei unter unserer Würde. Mittlerweile spiele ich in Konzerten oft ein Volksmusikstück als Zugabe, da geht den Zuhörern das Herz auf.

Warum spielen Sie nicht in einem Orchester?

Источник: Corruptioner.life

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